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Die berühmte und in demselben Maße, in dem die Krise sich verschärft, immer verzweifelter beschworene „westliche Freiheit“ sowie ihre angeblich universell gültigen „Werte“, sind zu einem Alptraum geworden. Auf der Höhe der Krise kapitalistischer Vergesellschaftung und mitten im „Kollaps der Modernisierung“ (Robert Kurz) müssen braves Schuldenken und artige Gelehrsamkeit ad acta gelegt werden zugunsten radikaler Kritik. Mit dem Kapitalismus ist nach dem bekannten Satz Hegels „eine Gestalt des Lebens alt geworden“. Es kann nicht darum gehen, diese Gestalt immer wirkungsloser bleibenden Verjüngungskuren zu unterziehen. Die im hier vorgelegten Band zusammengefaßten Essays, Kritiken und Polemiken von Robert Kurz, Roswitha Scholz und Jörg Ulrich versuchen unter anderem, die Vergeblichkeit solchen Unterfangens von verschiedenen thematischen Zugängen her zu demonstrieren.
Robert Kurz, geboren 1943, lebt als freier Publizist in Nürnberg. Buchveröffentlichungen u.a.: „Der Kollaps der Modernisierung“ (1991), „Schwarzbuch Kapitalismus“ (1999), „Weltordnungskrieg“ (2003), „Blutige Vernunft“ (2004), „Das Weltkapital“ (2005)
Roswitha Scholz, geb. 1959, Dipl. Sozialpädagogin, freie Publizistin und Redakteurin der Theoriezeitschrift EXIT!, lebt in Nürnberg. Buchveröffentlichungen u.a.: „Das Geschlecht des Kapitalismus“ (2000), „Differenzen der Krise - Krise der Differenzen“ (2005)
Jörg Ulrich, Dr. rer. soc., geboren 1954, freier Publizist, lebt in Blaubeuren bei Ulm. Buchveröffenlichungen u.a.: „Individualität als politische Religion“ (2002), „Masken und Metamorphosen des Heiligen“ (2004)
Mehr über Jörg Ulrich und seine Publikationen finden Sie unter http://www.joerg-ulrich.de
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Das Verhältnis zwischen dem Heiligen und dem Profanen, zwischen Religion und Gesellschaft ist in jüngster Zeit zum Thema einer abseits des „Mainstreams“ geführten Diskussion geworden, in deren Verlauf immer deutlicher zum Vorschein kam, dass die gegenwärtige Gesellschaft keineswegs als eine vollkommen metaphysik-, transzendenz- und damit religionsfreie Form menschlichen Zusammenlebens begriffen werden darf, sondern dass von der „religiösen Natur des Kapitalismus“ (Christoph Deutschmann) gesprochen werden muss. Walter Benjamins Formulierung „Kapitalismus als Religion“ weist in diesem Zusammenhang nicht mehr auf ein nur äußerliches Verhältnis der beiden Begriffe und der durch sie bezeichneten Realität hin. Sie bezieht sich auf ihre Einheit, ihr Einssein. Die Gesellschaft selber ist zur Religion geworden. Das Heilige und das Profane sind ineinander übergegangen. Die vorliegenden Essays von Jörg Ulrich zentrieren sich insgesamt um dieses Generalthema bzw. diese grundsätzliche These, indem sie von verschiedenen Zugängen her die vielfältigen Erscheinungsformen und Maskierungen des Heiligen in der Welt aufzuspüren und für eine metaphysikkritsche Gesellschaftstheorie zugänglich zu machen versuchen.
Aus dem Inhalt
Der Begriff der Natur im Kontext der Individualisierungsdebatte Anmerkungen zur Metaphysik modernisierungsbegleitender Theoriebildung
Der nihilistische Diskurs der Postmoderne Über Einheit und Vielheit bei Habermas und anderen maßgebenden Denkern
Misslungene Erlösung Überlegungen zu Walter Benjamins Fragment „Kapitalismus als Religion“ Das Evangelium der Heiligen Sabine Zur medialen Inszenierung politischer Glaubensbekenntnisse
Promis und Frommis Zur fetischistischen Formatierung des Individuums in der Erlebnisgesellschaft
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Die gegenwärtige Gesellschaft als „postreligiös“ oder „postmetaphysisch“ zu bezeichnen, so eine der provozierenden Thesen der hier vorgelegten Arbeit, verfehlt systematisch den Kern der herrschenden Form von Vergesellschaftung, nämlich die Tatsache, daß die von allen sozialen Bindungen tendenziell losgelösten Individuen in der „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Richard Sennett) einem metaphysischen Prinzip unterworfen sind, welches sie effektiver und un(an)greifbarer beherrscht, als dies vordem Götter, Geister und Dämonen jemals vermocht haben. Gott als die seinem Begriff nach immer schon daseiende Negation des Menschen, Un-Mensch schlechthin, erhält sich durch seine moderne Abschaffung hindurch und kommt in dem auf Ewigkeit angelegten autopoietischen Gesellschaftsprozeß in Gestalt der herrschenden abstrakten Systemrationalität erst zu sich selbst. Im Zeitalter der Individualisierung feiern daher die „Kinder der Freiheit“ nicht ihre endgültige Emanzipation von jeglicher Herrschaft, sondern hier emanzipiert sich die innere Logik der Marktgesellschaft von den konkreten Menschen ebenso wie von der materiellen Realität insgesamt. Das zwischen Selbstvermarktung, Selbstinszenierung, hilflos zappelnder Sinnsuche und zielloser Gewalttätigkeit schwankende (post)moderne Individuum muß täglich je für sich selbst den Gottesbeweis erbringen, ein gesellschaftstaugliches Individuum zu sein. Mit theoretisch breit angelegten Untersuchungen, u.a. zum Begriff des transzendentalen Subjekts bei Kant, zum Warencharakter des Individuums bei Marx und zur Konzeption der Einzigkeit im Werk des Individualanarchisten Max Stirner, arbeitet der Autor den theologischen Gehalt gegenwärtiger Vorstellungen von Individualität sowie der im Anschluß an die Arbeiten von Ulrich Beck populär gewordenen Individualisierungstheorie heraus, die sich damit als „Theologie nach dem Tod Gottes“ und intellektueller Flankenschutz für die mit brutaler Konsequenz voranschreitende Modernisierung erweist.
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